Zuhause ist es doch am Schönsten?

Ich bin wieder daaa! Zurück in der Heimat- eigentlich die perfekte Gelegenheit und der perfekte Zeitpunkt, um den Camino noch einmal Revue passieren zu lassen.
Wie gesagt eigentlich, denn uneigentlich startete ich an meinem ersten Tag zuhause den Behördenmarathon, um alle Dokumente für mein Visum zu bekommen. Mein Führungszeugnis ist beantragt, meine Lunge wurde geröngt, sodass Tuberkulose ausgeschlossen werden kann (wobei mir der Radiologe freudig erklärte, dass das Formular dafür noch genauso aussieht wie vor 20 Jahren und mir herrausrutschte, dass es leider auch noch dieselben Methoden von damals sind)  und der Impfstoff für Hepatitis A steht neben der Milch im Kühlschrank. Morgen geht es dann nur noch zum Arzt, der mir hoffentlich ein Formular ausstellt  in dem vermerkt ist, dass ich mich sowohl physischer als auch psychischer Gesundheit erfreue und dann heißt es zurücklehnen und warten bis ich nach Berlin fahren kann.

Nebenbei liegt vor der Waschmachine noch ein riesiger Haufen Wäsche und meine Wanderschuhe sehnen sich nach Zuwendung, wobei sich Lola über meine Schuhsohlen freut und sie bei Gelegenheit zerkauen möchte, denn die riechen so interessant. Dieses Projekt muss ich wohl auch noch angehen, bevor mir diese Blicke von meiner Mutter zugeworfen werden und ich mich schuldig fühle. Eine große Überraschung habe ich jedoch beim Ausleeren meines Rucksackes erlebt: Kein einziges Kleidungsstück oder sonstigen Kram habe ich nicht gebraucht, nur gewisse Dinge waren Luxus und wurden genau deswegen mitgeschleppt. Auf diesen Luxus wollten wir aber nicht verzichten, denn meine Nägel schneide ich mir nunmal am liebsten mit einem Nagelclipser und nicht mit dem Taschenmesser. Unser Ziel bei 10kg zu bleiben haben wir nicht erreicht, nicht weil unsere Rucksäcke durch die Dinge die auf der Packliste (Achtung: Sie gilt wirklich nur für Aprilpilger, denn im Sommer macht zum Beispiel ein Zelt oder nur ein leichter Schlafsack mehr Sinn!) standen insgesamt über 10kg kommen, sondern weil wir zusätzlich noch Schokolade/Chorizo/Käse/Äpfel/Birnen oder sonstige Snacks und Mahlzeiten mitschleppten. Irgendwann erleichterten wir unseren Rucksack um ein halbes Kilo, indem wir unsere Wasserflaschen nur noch zur Hälfte auffüllten, denn wenn es nur nass und kalt ist wird kaum getrunken. Dazu gibt es in fast jedem Ort einen Brunnen mit Trinkwasser, dessen Wasser genießbarer als das Chlorwasser aus der Leitung ist. Der unübersehbare Vorteil als Gruppenpilger, denn ab drei Personen ist man bekanntlich eine Gruppe ist der, dass man große Flaschen Schampoo mitnehmen, die billigeren großen Essenspackungen im Supermarkt kaufen kann und trotzdem jeder nicht unbedingt mehr trägt als der durchschnittliche Einzelpilger. So war es für uns deutlich einfacher abends frisch zu kochen und Instantsuppen zu vermeiden, da wir eine Packung Nudeln nun einmal komplett aufessen konnten und keine Reste mitschleppen mussten.

Außerdem waren wir dadurch, dass wir doch immer in Sichtweite zueinander gelaufen sind oder zumindest wussten, wo die anderen waren auch geschützt. So machten wir überhaupt keine schlechten Erfahrungen im Sinne von dummen Anmacheversuchen wie es uns eine Mitpilgerin schilderte und waren entspannter beim Laufen. Natürlich ist es noch einmal eine ganz andere Erfahrung den Weg alleine zu laufen, aber unheimliche Wegstrecken wie sie zum Beispiel Nadine erlebte blieben uns so erspart. Sie erzählte uns, dass für sie der schlimmste Teil des Caminos eine einsame Strecke durch den Wald neben einer Landstraße gewesen ist. Gut 50 Meter vor ihr hielt ein weißer Lieferwagen genau auf dem Weg und stellte sich quer dazu. Im Auto saßen zwei Männer, die sich aufgeregt unterhielten und anstalten machten auszusteigen. Eine sehr gruselige Situation, auch wenn man zu zweit unterwegs gewesen wäre. Von hinten kam zum Glück ein Radpilger an und Nadine konnte mit ihm am Auto vorbeigehen, doch den Rest des Tages hatte sie Herzklopfen und ihr Taschenmesser in der Hand. Als sie den Lieferwagen nach 10 Minuten noch einmal parallel zu ihr entdeckte, schrillten alle Alarmglocken und es mag paranoid klingen, aber man befürchtet einfach das Schlimmste und hat auf dem Camino auch noch zu viel Zeit um sich Gedanken zu machen. Auch in anderen Situationen wie die Einladung Raphaels in seine „Heimatherberge“, hätte ich vielleicht alleine anders gehandelt und sie nicht angenommen, obwohl man in einer Herberge nach 5 Minuten jeden kennt, nie alleine ist und alte Bekannte wiedertrifft, hätte ich die Einladung dann eventuell als zu aufdringlich empfunden.

Ein großer Nachteil oder eine Herausforderung als Gruppenpilger ist es aber als Gruppe zu laufen. Das ist zwar ein sehr offensichtlicher Punkt und eigentlich war es auch unsere Absicht zusammen diesen Weg zu gehen, weshalb man an manche Probleme einfach nicht denkt. So haben wir zwar daran gedacht, dass wir vielleicht unterschiedliche Lauftempos besitzen, aber es wäre uns nie in den Sinn gekommen, dass Einer von uns wegen einer Verletzung oder einer Riesenblase kurzzeitig laufunfähig wird. Dann wird es plötzlich schwierig, denn man möchte einerseits weiterkommen und andererseits niemanden zurücklassen und sich trennen. Wir hatten ein Riesenglück, dass Raikas Tante und Onkel gerne Urlaub machen und konnten somit die Situation lösen, aber auch später als ich meine Sehnenentzündung bekam stand die Frage wieder im Raum. Hätte ich wirklich nicht mehr mithalten können, war ich für eine Trennung, da ich nicht mit dem Bus vor- oder nachfahren wollte und schon begann die nächste Diskussion, da Raika und Marie das nicht unbedingt wollten. Wieder hatten wir hier Glück, dass sich mein Fuß besser zum Laufen eignete als gedacht und die Krise wurde überstanden beziehungsweise eine Lösung wurde nicht mehr gebraucht und wir konnten aufhören uns (fast) an die Kehle zu gehen. Überhaupt gab es auf unserem Camino sehr viel Glück und lustige Zufälle, die unseren Weg so schön gemacht haben und uns zum Weitermachen motivierten. Alleine wäre es überhaupt kein Problem seine Etappen kürzer oder länger zu machen, denn allein ist man auch unabhängig und kann sich ganz nach seinem Körper richten, während wir uns auch auf den Anderen einstellen müssen, uns dafür aber auch gegenseitig Motivieren und Antreiben können. Seine Reisebegleiter lernt man dazu auch noch sehr gut kennen und ja wir sind, obwohl wir jetzt unsere gegenseitigen Kloroutinen kennen, immer noch befreundet. Hoffe ich zumindest, denn ich habe sowohl Marie als auch Raika noch sehr gerne 😉

Drei junge Mädchen (wir haben den Altersdurchschnitt doch sehr gesenkt), die nach dem Abitur pilgern?! bekommen natürlich sofort einen Ruf und waren vielen Pilgern, die wir noch nie gesehen hatten, als die drei Mädels bekannt oder wurden laut singend von Alex angekündigt, der ein Lied über „The German Girls and their Chocolate“ dichtete und all seinen Wegbegleitern mit der Melodie auf die Nerven ging.

Wie sind uns (wieder einmal) zum Glück kaum gegenseitig auf die Nerven gegangen , denn wir konnten auch schweigen ohne dass sich die Stille unangenehm angefühlt hat und zuletzt hörten wir sogar jeder für sich Musik. Zeitweise sprachen wir sogar morgens kaum ein Wort miteinander und packten nur routiniert alles ein und fingen erst mittags an miteinander zu erzählen und zu scherzen. Überhaupt gab es sehr viel zu Lachen auf dem Camino, sei es mit Raika und Marie oder mit Leuten, die wir hier trafen denn keiner hatte wirklich schlechte Laune oder war pessimistisch und alles wurde mit Humor genommen. Es entwickelt sich dazu auch noch ein riesiges Gemeinschaftsgefühl unter den Pilgern, sodass man sich überall gut aufgehoben fühlt, mit allen Leuten reden kann und nicht nur zu dritt aufeinander hockte. Selbst wenn wir uns völligst zerstritten hätten, wären wir also noch imstande gewesen zusammen zu laufen ohne unbedingt miteinander kommunizieren zu müssen. Dann wäre unsere Zeit aber nur halb so lustig und nur halb so schön geworden und es gäbe auch keine Bilder in diesem Blog, weil Marie eigentlich jedes dieser Bilder gemacht hat und ich ziemlich fotografierfaul war. Unter jeden Blogartikel über den Jakobsweg gehört also eigentlich ein Danke Marie, für die schönen Bilder, vielleicht kann man sich das ja ab jetzt dazudenken.

Bei uns ging es also nicht immer nur harmonisch zu und das enge Aufeinanderleben ist auch ein riesiger Freundschaftstest. Bewundernswert fanden wir dann die zwei Paare, die den Camino als Hochzeitsreise liefen, denn die machen damit den ultimativen Beziehungstest nur eben nach der Hochzeit und anstatt an den Strand zu fahren laufen sie 8 Stunden am Tag durch den Regen. Der war leider ein treuer Begleiter und hörte nur für ein paar Tage gegen Ende auf. Anscheinend ist das Wetter im März/April so, dafür ist es noch vor der Saison und weder die Herbergen noch der Weg sind überfüllt. Im Nachhinein und im Trockenen sitzend bin ich sogar recht glücklich über die kühleren Temperaturen, denn ich gehöre zu den Leuten die schnell überhitzen und Kreislaufprobleme bekommen. Den Regen hätte ich als Zusatz zwar nicht gebraucht, aber durch die Kühle konnten wir viel länger am Tag laufen und hatten nie Wassersorgen. Von Ramona haben wir erfahren, dass man im Sommer nur morgens und abends für kurze Zeit laufen kann, weil es sonst zu heiß wird und dann gerade die langen 15km Etappen ohne Dorf oder Brunnen oder Schatten richtig gefährlich werden können. Dafür sitzt man auch abends länger zusammen draußen und schlüpft nicht verfroren und müde um 8 Uhr ins Bett. Beides hat also seine Vor- und Nachteile, aber ich glaube dass der kalte und nasse Weg, der für mich verträglichste war und ich die grünen Landschaften, den geernteten oder vertrockneten vorziehe. Genau weiß ich es natürlich erst dann, wenn ich mich nochmal im Sommer aufmachen würde, aber das wird in nächster Zeit nicht passieren. Meine Füße finden ich habe genug gewandert und meine Lebenspläne lassen mir erst einmal keine Zeit. Die Idee schwirrt jedoch schon wieder in meinem Kopf herum, schließlich gibt es auch den Camino portugues und den Camino del norte. Bisher kann ich es mir auch gut vorstellen, diese Wege alleine zu gehen, einfach um auch mal dieses Gefühl zu erleben.
Das sind aber richtige Zukunftszukunftspläne, denn derzeit konzentriere ich mich voll auf die nächsten Wochen: neben dem Visumkram steht nämlich auch mein Vorbereitungsseminar an und ich bin sehr gespannt, was auf mich zukommt.

Auch jetzt nachdem ich den Camino gelaufen bin, kann ich es nur immer wieder empfehlen ihn einmal zu laufen. Es muss nicht einmal aus religiösen oder spirituellen Gründen sein, denn meiner Meinung nach reicht auch schon die körperliche Herausforderung und die Gemeinschaft die man dort erfährt als Anreiz aus. Dabei finde ich sogar, dass man mit einer religiösen Intention bei den Pilgermessen als Spanischlaie enttäuscht wird, da die Messen immer (sogar in Santiago die großen Pilgermessen) auf Spanisch sind. Besonders nervig fand ich als Protestantin, dass ich noch nicht einmal die Choreografie kannte und nie wusste wann man sich hinsetzen/hinknien/aufstehen/dreimalumdieBankrennen musste und man durch das Spanische auch nicht das Vaterunser oder sonstige bekannte Gebete mitsprechen konnte. Spanier haben eine schnellere Sprachmelodie und bis man versteht, dass das Vaterunser drankommt ist es vorbei. Vielleicht hat man als Person mit Spanischkenntnissen mehr Chancen am Gottesdienst teilzunehmen und als Katholik kennt man zumindest den groben Verlauf einer Messe. Ich fühlte mich auf alle Fälle etwas Fehl am Platz und konnte noch nicht einmal ein Liedchen mitsummen, da auch keine Liedblätter ausgeteilt werden. Man geht davon aus, dass jeder die Lieder kennt. In den kleinen Dörfern ist das alles ja verständlich, aber als es in Santiago genauso war, war ich wirklich etwas enttäuscht. Immerhin war mein Spanisch bis dahin so gut, dass ich verstehen konnte, dass wir vor dem Gottesdienst extra begrüßt wurden. Dann hörte es aber auf und ich störte mich an den Leuten, die während der Messe von hinten Jakobus umarmten, der im Altarraum steht. Vielleicht war ich dann aber auch schon wegen des Gottesdienstes und weil wir so dicht gedrängt in der Bank standen schlecht gelaunt und wurde pingelig.
Zumindest in Santiago soll es jedoch zeitweise sogar deutsche und englische Messen geben, die dann vielleicht sogar genossen werden können- einfach weil man mitmachen kann und sich nicht langweilt. Vielleicht bin ich auch einfach nur ein schlechter Kirchgänger, da ich nie solange stillsitzen oder stillstehen kann. Spaß gemacht haben die Messen dann aber letztendlich doch, weil die beide Male die wir in der Messe waren immer irgendetwas Erzählenswertes passiert ist. Dafür gibt es natürlich andere religiöse Stationen und Aspekte, die den Camino mit ausmachen, aber die naheliegenden Messen waren eben nie etwas für mich.

Hiermit also zum Abschluss ein kleiner Mutzuspruch an alle, die sich den Weg nicht zutrauen:
Die Kondition kommt mit der Zeit (man kann zu Beginn kleinere Etappen planen) und nie wird man mehr hilfsbereite Menschen treffen als auf diesem Weg!

und nochmal ein Riesendankeschön an Marie und Raika und alle die mich diesen Weg begleitet haben, auch digital!

 

6 Replies to “Zuhause ist es doch am Schönsten?”

  1. Vielen Dank für das Mitnehmen auf die Reise. Ich habe es sehr genossen.
    Liebe Grüße
    ConnyG

  2. Danke für die Berichterstattung und jetzt auch noch ein Resümee. Ich habe es sehr genossen und träume seitdem nachts manchmal vom pilgern (habe aber auch Hape Kerleling parallet dazu noch mal gelesen 🙂 )

  3. Habe den Bericht gespannt verfolgt und freue mich, dass ich wenigstens auf diesem Weg mal (fast) live beim Pilgern dabei sein konnte.
    Danke schön für all die Berichte und Fotos.
    Und es ist schön, dass ihr so viel Spaß hattet.

  4. Vielen Dank für deine ausführlichen Berichte und jetzt auch das Resümee. Falls du irgendwann noch einmal losziehen solltest, kann ich dir auch den Camino primitivo sehr ans Herz legen. 🙂 Landschaftlich ist er wunderschön… ?
    LG Petra

  5. Danke fürs Mitnehmen und fürs interessante Resümée.
    Zum Weiterlesen habe ich mir jetzt mal den Kerkeling gekauft.

  6. ich habs jetzt grad ein bisschen dick, (voll Tränen, nicht was nicht-Rheinländer denken) Ich glaube, da wächst eine tolle Frauengeneration ran, mach weiter so, ich freu mich auf die Afrikaberichte. Supersuper, liebe Grüße, Milla