Ablenkungsmanöver

In zwei Tagen geht es los, ich bin aufgeregt und habe ich schon erwähnt, dass ich aufgeregt bin?

Um zu vermeiden meinen Koffer in den letzen Tagen immer wieder ein und auszuräumen (das ist für morgen geplant), suchte ich nach Beschäftigungstherapien und füllte meine Tage mit dem Winzerfest, einer kleinen Abschiedsfeier (lange geredet, viel gelacht und erst spät nachts die Gäste nachhause geschickt -> alles in allem sehr schön <3), dem Treffen von Freunden und einem Zeltlagerüberfall.

Vor allem der Überfall schaffte herrliche Ablenkung und sorgte dafür, dass ich mich von meinen Brüdern erst heute verabschieden musste. Die fuhren nämlich wie jedes Jahr letzte Woche fröhlich weg Richtung Jungszeltlager (einer als Mitarbeiter und einer als Teilnehmer) und riefen mir eher halbherzig ein „Tschüss“ zu.
Da ich aber in den letzten 5 Jahren ebenfalls als „Küchendame“ mitgefahren bin und für das Lager gekocht hatte, war es schnell entschieden, dass ich mit ein paar Freunden die gute alte Zeltlagertradition des „Überfallens“ nutzen werde, um die Jungs nochmal zu besuchen.
Ein sogenannter Überfall im Zeltlager ist allerdings kein Verbrechen und wir stehlen auch nichts Wertvolles und Verkaufen es dann, sondern ein reines Spiel, dass für die Kinder im Zeltlager überlegt wurde und Mitarbeitern, die einmal keine Zeit für das Zeltlager haben die Möglichkeit gibt, es wenigstens zu besuchen..
Jede Nacht bis auf die letzte haben die Teilnehmer abwechselnd Nachtwache und die Aufgabe, dass Lager ein bis zwei Stunden vor Überfällern zu beschützen bis die Ablösung kommt. Dabei sind die Kinder immer zu zweit und je ein Zelt mit circa 5 Teilnehmern hält pro Nacht Nachtwache. Wird ein Überfäller im Gebüsch vermutet, kann der Zeltchef (der Mitarbeiter, der mit den Kindern im Zelt schläft) geweckt werden und wenn alle Wildschweine ausgeschlossen werden können, werden nach und nach alle Mitarbeiter geweckt, um auf Posten zu gehen und die Überfäller zu jagen. Die Zeltlagerleitung bleibt jedoch meistens entspannt im Bett liegen, da man sich als braver Überfäller bei ihr anmeldet.
Das verhindert unangenehme Verwechslungen mit der Dorfjugend, die auch gerne vorbeischaut und nicht unbedingt die Regeln des Überfallens beachtet. So bleibt man zum Beispiel als Überfäller fair und bleibt „gefangen“ auch wenn man den kleinen an deinem Arm hängenden Siebenjährigen abschütteln und dann wegrennen könnte. Der größte Vorteil eines angemeldeten Überfalls ist jedoch die daraus resultierende Faulheit der Leitung und anderer Mitarbeiter, die bei bekannten Überfällern sich nicht immer aus dem Schlafsack schälen, sondern gemütlich weiterschlummern.

Am nächsten Morgen wird dann beim Frühstück verkündet, dass ein Überfall stattgefunden hat und die größte Schöpfkelle der Küche wird  samt großem Wasserbottich zur Lagerrunde geschleppt.
Je nachdem ob die Überfäller erfolgreich etwas aus dem Lager klauen konnten, zum Beispiel die Nutoka, diverse Schöpfkellen oder die heilige Lagerglocke, wird entweder die unachtsame Nachtwache getauft oder die aufmerksame Nachtwache, die heroisch den Überfall verhindern konnte, darf die nächtlichen Besucher taufen. Die Verlierer bekommen also eine riesige Kelle wirklich kalten Wassers übergekippt.

Von dem bisschen kaltem Wasser nicht abgeschreckt, wurden gestern Mittag also prompt schwarze Kleidungsstücke zusammengesucht und bei der Suche nach einer schwarzen Mütze alle Winterklamotten hervorgekramt bis ich mich bis auf die Augen vermummen konnte. Mit Isomatte, Schlafsack und festen Schuhen im Gepäck ging es dann los mit dem Überfallen. Unser Überfall startete mit einer sehr überlebensnotwendigen Pause in der Pizzeria (zur Stärkung vor der langen einstündigen Anfahrt) und dem hohen Konsum von Cola, um wach zu bleiben. Danach kam uns die großartige (mit Ironie lesen) Idee schon einmal das Lager auszuspähen und fuhren den gegenüberliegenden Berg hoch, um mit dem Fernrohr einen guten Blick auf das Lager zu bekommen. Leider fällt ein schwarzes Auto, das sonntags durch die Reben gurkt doch auf und als auch noch vier Leute ausstiegen und angestrengt zum Lager schauten, wurden wir direkt entdeckt. Das anschließende auf den Boden werfen und unschuldig schauen änderte nichts daran. Vielleicht sind schwarze Autos auch zu verdächtig!

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Unser Blick auf das Lager:

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Obwohl wir schon vor dem eigentlichen Überfall entdeckt wurden, beschlossen wir dennoch zu überfallen und die Ungewissheit der Teilnehmer über den Zeitpunkt des Überfalls auszunutzen. Es ging also wieder vom Berg runter und hoch in den Wald in die Nähe des Zeltplatzes, um sich umzuziehen. Das nahm einige Zeit in Anspruch und bis wir die Funkgeräte eingestellt hatten, war es mittlerweile dunkel.

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Sehr professionell teilten wir uns in die Zweierteams Alpha und Bravo auf und trennten uns, um das Lager von zwei Seiten gleichzeitig anzugreifen. Dafür mussten wir jedoch erst einmal in Reichweite des Zeltlagers kommen ohne gesehen und gehört zu werden. Team Bravo sollte von vorne am offensichtlichen „Eingang“ zum Zeltlager auf das Lager zugehen, während Team Alpha (mein Team) von hinten kommen sollte.
Problem Nummer 1: Das Lager liegt direkt am Fluss und wenn man nicht lautstark durch das Gestrüpp am Hang brechen will muss irgendwo der Fluss überquert werden.

Problem Nummer zwei: Obwohl wir vorrauschauend einen Plan der Gegend ausgedruckt hatten, vergaßen wir ihn direkt im Auto und wussten nicht mehr wo die perfekt liegende Brücke war. Wir versuchten unser HighTech-Equipment zu nutzen und Team Bravo zu fragen, ob sie den Weg kennen, aber leider nuschelten sie zu sehr. Nach dem dritten „Bitte laut und deutlich wiederholen“, fügten wir genervt „und langsam mit einer Wiederholung jedes Wortes“ hinzu. Ich glaube daraufhin schnappte die andere Gruppe ein, denn was danach kam klang wie das walisch von Dori und danach herrschte Funkstille.

Wir kauerten uns also so tief wie möglich ins Gebüsch und öffneten das hell leuchtende Google Maps auf unseren Handys. Natürlich waren wir falsch und mussten erst durch den kleinen angrenzenden Ort laufen. Darauf hoffend, dass niemand die Polizei wegen den vermummten Gestalten auf der Straße rufen und wir in erklärungsnot geraten.
Irgendwann war die Brücke dann gefunden und der spannende Teil fing an. Sehen ohne gesehen zu werden. Auf dem Bauch liegend robbten wir immer im Schatten des Gebüschs (der Mond schien sehr hell) näher heran und konnten nach und nach alle Personen auf dem Zeltplatz ausspähen. Dann hieß es warten, warten und warten bis auch der Letzte ins Zelt gekrochen war und es immer stiller auf dem Platz wurde. Mein Alpha-Team-Partner, der durch die Bundeswehrausbildung irgendwie immer vor mir weggerrobbt ist, verschwand Richtung Zelte und der Sinn der Funkgeräte erschloss sich mir als wir durchgeben konnten, ob jemand kommt und welche Zelte lohnenswert sind. Die Zelte an die er herangerobbt ist, waren es nicht. Das Duschzelt war durch unsere Ankündigung vorsorglich ausgeräumt und das Trapperzelt (das Zelt der älteren Teilnehmer) ist nicht wirklich Ziel eines Überfalls.

Wir zogen uns also vorsichtig zurück und machten aus, dass wir immer am Gebüsch entlang bis zum Küchenzelt vorrobben und dann gemeinsam einsteigen. Wir machten uns also ans Werk und plötzlich hörte ich nur ein schnelles „Anne, runter!“ und ich presste mein Gesicht in den Boden und wunderte mich nach einer gefühlten Ewigkeit, dass keine Entwarnung kam. Mit Herzklopfen lauschte ich auf irgendwelche Geräusche, die auf eine Nachtwache hindeuten könnten und wurde richtig paranoid. Irgendwann konnte ich die einen FlipFlop-Träger auf dem Zeltplatz hören und riskierte einen Blick: Ich war unentdeckt. Danach machte ich mir jedoch Gedanken über jedes raschelnde Blatt, denn wenn ich über eine Distanz von 100m FlipFlops höre, musste doch einfach jeder mitbekommen, dass ich lautstark durch das Untergehölz robbte.

Gerade als ich mein Vertrauen in das sanfte Rauschen des Flusses wiedergefunden hatte, dass angeblich alle meine Geräusche übertönt, hörte ich von weiter vorne jemanden „BUH“ rufen, und mein Teampartner wurde gefangen. Danach suchten die Trapper akribisch jedes Gebüsch ab und kamen mir immer näher. Also stand ich auf und dachte, wenn ich jetzt einfach über den Platz schlendere und so tue als gehöre ich dazu, kann ich mir irgendetwas greifen und wegrennen. Leider kam ich nioch nicht einmal zum richtigen Aufstehen, denn direkt hinter mir stand mein kleiner Bruder.

Der Rest unserer kleinen Truppe war auch schon gefangen, der erste sogar noch vor dem richtigen „IndenSchalfsackkriechen“. Ein Teilnehmer hatte sich etwas tiefer in die Büsche geschlagen und hatte durch Zufall den Überfäller vor dem Überfall entdeckt. Damit hatte sich auch das kleine Mysterium gelöst warum plötzlich Funkstille zwischen uns und Team Beta herrschte, das eine Team war einfach schon gefangen (und nicht beleidigt weil wir es nicht verstanden haben). Blöderweise werden dann Mitarbeiter ins Küchenzelt gesetzt, sodass die Mitüberfäller kaum eine Chance haben irgendetwas zu stehlen. Das energische „Anne, runter!“, gab es laut meinem Teampartner auch nicht, sondern war angeblich nur die Frage wo ich bin. Die Kommunikation und Planung üben wir noch.
Erfolglos holten wir also unsere Schlafsäcke und bauten uns aus den Biertischgarnituren Betten für die Nacht, wobei die Hälfte von uns schon wieder nachhause fuhr. Aus fadenscheinigen Gründen wie Rückkehrzeiten zur Kaserne und anderen Verpflichtungen, aber ich glaube, dass sie einfach nur der Taufe entgehen wollten, die dann am nächsten Morgen auch folgte.
Zumindest war ich danach wach genug, um meinen Brüdern ein letztes Abschiedsfoto aufzudrängen und mich mit einer Umarmung zu verabschieden.

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One Reply to “Ablenkungsmanöver”

  1. Liebe Anne,
    ich wünsche dir starke Nerven und Geduld wenn nötig, so viel Spass wie möglich und einen Sack voller Erfahrungen und neuer Freunde, wenn das Jahr zu Ende geht! Halt die Ohren steif! Und halte uns hier ein bisschen auf dem Laufenden 😉
    Alles Liebe und Gute von Dorsi