Halbzeit!

Wie die überaus kreative Überschrift schon andeutet: 6 Monate sind um, ab jetzt geht die Zeit (viel, viiiiel) zu schnell vorbei!

Pünktlich zur Hälfte ging es mal wieder nach Potchchefstroom auf die Manzinifarm. Wie auch unser erstes Vorbereitungsseminar fand dort unser Zwischenseminar statt und es war herrlich alle Leute wiederzusehen und zu erzählen und zu erzählen. Neben mehreren Einheiten über südafrikanische und deutsche Politik, Probleme und Problemlösungen in den Projekten und Themen wie Energieieinteilung, Sicherheit und Sinn/Zweck/Ziele der Entwicklungsarbeit, war das Austauschen mit anderen Freiwilligen auf jeden Fall einer der wichtigsten Punkte. Vielleicht auch einer der Gründe warum es immer gleich zwei Kaffepausen zwischen den Einheiten gab!
Insgesamt war es eine sehr schöne Ruhepause nach dem anstrengenden Urlaub 😉 und noch habe ich nicht realisiert wie schnell diese 6 Monate verflogen sind und das DSJW schon nach Nachfolgern für die Projekte sucht. Komisches Gefühl an die Abreise zu denken, vor allem weil sich hier dei Vorausplanung des eigenen Lebens auf höchstens eine Woche (eher zwei Tage) voraus beschränkt und ich auf dem Seminar viel zu vielen Leuten mit klaren Plänen für Studium und Ausbildung begegnet bin. Immerhin habe ich jetzt eine Beschäftigung für ungenutzte Office-Stunden: Ich google Unis und Studiengänge!

Zurück im Projekt hat sich im Afterschool mittlerweile eine kleine Routine eingespielt und wir kommen immer besser mit der großen Menge an Kindern zurecht und haben weniger Stress. Vor allem durch Asanda, eine neue sehr willkommene Freiwillige, nimmt uns viel Arbeit in der Küche ab. Schließlich wird zweimal die Woche für die Kinder gekocht und zweimal müssen Brote geschmiert werden und allein das Abwaschen konnte den gesamten Nachmittag dauern. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden wie wir am besten die Building Site abschließen, da Lars gerade mitten im Programm wieder dahin muss und an blöden Tagen überhaupt nicht mit seiner Gruppe arbeiten kann und stattdessen kurzfristig herumfahren muss. Nervig nicht nur für ihn, sondern auch für uns alle und die Kinder, weil wir seine Abwesenheit irgendwie ausgleichen müssen. Wir hoffen auch eine Gelegenheit mit Nielen zu sprechen, derzeit hüpft er aber von Termin zu Termin und in den nächsten Wochen sieht es noch schlechter aus, da uns Meyer und Louise (unsere Bosse vom Boss sozusagen) besuchen kommen und Wallung verursachen.

So ging es es am Dienstag erstmal zu einem Workshop zur Mitarbeiterweiterbildung, in dem wir lernen sollten/können wie man Bibelstunden für Kinder gestaltet. Ein sehr begeisterter Pastor leitete die Übung an und an sich war es spannender als gedacht, nur ein konnten wir uns mit ein paar Ansichten einfach nicht anfreunden. So gerieten wir letztendlich mit Yolande und Nozuko in einen Streit darüber, ob die Evolution mit dem Christentum zu vereinbaren ist, wer oder was (wenn nicht Gott) bestimmt, wann eine Frau schwanger wird und ob andere Religionen falsch liegen müssen oder nur einen anderen Ansatz haben.
Das Erschreckende daran war, dass Nozuko und Yolande nicht einmal wussten, worum es in der Evolutionstheorie geht und sie nur ablehnten, weil sie gelernt haben, dass nur die Theorie der Gotteschöpfung stimmt. An sich habe ich damit kein Problem, wenn jemand daran glaubt, dass die Welt in einer Woche erschaffen wurde, so wie ich hoffe, dass niemand ein Problem mit mir hat, nur weil ich an die Evolution glaube. Nur die Tatsache, dass manche Leute gar nicht wissen wie die alternativen Theorien aussehen und so keine wirkliche Wahl mit ihrem Glauben getroffen haben, macht mich stutzig.
Genauso wie es vorkommt, dass lieber gebetet wird, anstatt gehandelt. Ein Beispiel war ein Einbruch auf unserer Baustelle. Damals haben wir, anstatt bessere Umzäunung zu kaufen oder einen besseren Nachtwächter anzustellen uns in alle vier Ecken des Grundstücks gestellt und dafür gebetet, dass Gott es beschützt. Nicht ganz meine Art Dinge zu lösen und erst nach einem größeren Einbruch bei dem wir einen Verlust von ca R10 000 hatten, wurde eine Alarmanlage eingerichtet.
Andererseits gibt dieser blinde Glauben vielen Menschen hier auch einfach Kraft und Hoffnung und damit die Stärke mit ihrer Situation klarzukommen und dann ist dieses Vertrauen wiederum bewundernswert. Bibelstunden für Kinder werde ich hier trotzdem nicht geben, dafür bin ich wohl auch nicht mehr christlich genug 😀

Dafür starteten wir heute mit dem Life Skills Training für unsere Eltern im Mosaic. Morgens werden ab jetzt alle Oumas und Tannies eingesammelt und bis zum Mittagessen mit Vorträgen wie Geldeinteilung, Erziehung weitergebildet und natürlich über biblischen Themen (wir sind schließlich in Südafrika) informiert. Danach kommt noch eine Fragerunde, es gibt Essen und wir tauschen die Eltern gegen ihre Kinder ein, denn das Afterschoolprogramm startet direkt danach. Das Life Skill Training ist eine Mischung aus guter und bedrückender Stimmung, die Teilnehmer sollen einander kennenlernen und im Laufe der Zeit von ihren Problemen berichten, sodass gemeinsam ähnlich einer Selbsthilfegruppe Lösungen gefunden werden können.
Schon am ersten Tag hatten wir gestandene, sehr starke Frauen und Omas weinend an unseren Tischen sitzen. Einfach weil sie einmal über alle ihre Sorgen reden können und gehört werden, sprechen sie mit Nozuko über ihre Tick- Abhängigkeit, Probleme mit Ehemännern und über die Familie. Lars und ich stehen ein wenig hilflos daneben, einfach weil es so merkwürdig und etwas unangenehm  ist, so viele und so tiefe Gefühle und Gedanken von unseren immer fröhlichen Mosaic-Mamis mitzubekommen, während man selbst keinerlei vergleichbare Erfahrungen hat, in einem ganz anderen Lebensabschnitt steckt und ich es mir niemals vostellen könnte auch nur irgendeinen Rat oder Tipp zu geben.
So verziehe ich mich wohl die nächsten Wochen in die Küche und helfe schnippeln und kochen und beschränke meine Mithilfe beim Trösten auf das Taschentücher und Süßigkeiten einkaufen.

Ein anderes Problem betrifft Lars und mich jetzt leider konkret: es gibt ein paar Leute, die in unseren Garten einsteigen und alles mitgehen lassen, was sie in die Finger bekommen. Neben mehreren kleinen gestohlenen Dingen wie FlipFlops, Zigaretten, Gläsern und allem was man eben über Nacht auf einer Terrasse liegen lässt, nervt vor allem dieses Gefühl der Unsicherheit. Man sitzt nicht mehr allzu entspannt draußen, hat immer die Wäsche im Auge und man muss sobald man ins Haus geht, direkt das Türgitter zuschließen. Gerade wenn ich einmal in der Mittagspause kurz alleine Zuhause bin, ist das ein unangenehmes Gefühl.
Dazu kam noch ein Arbeiterstreik im township, bei dem Farmarbeiter für einen höheren Mindestlohn demonstriert haben. An sich eine gute Sache, leider wurden aus den Streiks Mobs, die andere Arbeiter, die versucht haben trotzdem zur Arbeit zu kommen, niedergeprügelt und in zwei Fällen umgebracht haben.
Anpassen und Aufpassen ist hier unsere einzige Strategie. Wir bekommen jetzt wahrscheinlich einen Elektrozaun um unser Haus oder eine Außenalarmanlage und unsere Arbeiter haben wir während der Streiks nicht wie sonst hinten auf dem Bakkie mitgenommen, sondern unseren Condor benutzt und die Fenster und Türen verriegelt.
Immerhin brennt es jetzt nicht mehr und der Sommer und damit die Trockenzeit ist bald überstanden.
Nein, langweilig und blöd finde ich es hier auch nach einem halben Jahr immer noch nicht und ich freue mich immer noch immer wieder auf die Kinder!
Bis auf diese Tage an dem ich wirklich von allen Kindern genervt bin, nie wieder Jugendarbeit machen werde, Kinder noch nie mochte und mich dann eines dieser Nervensägen anlacht, umarmt, stolz die geschafften Hausaufgaben zeigt oder wir mit der gesamten Gruppe verrückt singend und tanzend durch den Raum ziehen und ich direkt vergesse woher meine schlechte Laune kam.

3 Replies to “Halbzeit!”

  1. Ich finde es irgendwie ernüchternd, dass die vielen Jahre Hilfe zur Selbsthilfe, Entwicklungsarbeit, Projektarbeit, Patenschaften usw. die in vielen Ländern Afrikas seit Jahrzehnten laufen, immer noch ein Tropfen auf dem heißen (buchtsäblich) Stein bleiben. Es geht kaum voran. Besonders Frauen und Mädchen sind immer noch Menschen 3. Klasse und werden (gerade in Südafrika) Opfer sexueller und häuslicher Gewalt. In den Ländern selber scheint sich wenig zu bewegen, oder täuscht der Eindruck aus der Ferne? Gebete nach einem Eindruck, ok, aber es braucht nun mal mehr als göttlichen Beistand. Ansonsten: interessanter Bericht! Viel Erfolg weiterhin und keine Langfinger mehr in Zukunft;)

  2. Hallo Anne!
    Ich lese hier immer mal wieder mit – hauptsächlich aus beruflichem Interesse.
    Mein Tipp um gut nach Studiengängen zu suchen ist http://www.hochschulkompass.de. In der erweiterten Suche kann man nach konkreten Fächern, aber auch nach Studienfeldern suchen. Bei Fragen kannst du dich gerne melden.
    Viele Grüße aus Deutschland, Maryme